"Wir sind Theologen und Seelsorger, das ist unser Kerngeschäft"

Weihbischof Dr. Johannes Bündgens ist zur Visitation in der GdG Krefeld Süd angekommen. Gleich am ersten Tag sprach Phlipp Wallrath mit dem Bischof über seinen Aufenthalt in Krefeld, die Ziele des Besuchs und die Perspektiven, die sich daraus ergeben. Mit dabei waren Dr. Ulrike Rosellen und Petra Grüttner vom Sachausschuss Öffentlichkeitsarbeit der Pfarrei Maria Frieden.

Phlipp Wallrath: Im Hinblick auf die nächsten drei Wochen, worauf freuen Sie sich am meisten und wovor haben Sie am meisten Respekt?

Dr. Johannes Bündgens: Es ist ja der erste Tag der Visitation, also ich bin offen für alle Begegnungen, Gottesdienste, Gespräche, Gremien, Einzelgespräche und ich lasse mich gerne überraschen. Ich habe eine kleine Vorkenntnis durch die Visitation vor zehn Jahren und durch Firmungen, wo ich zwischendurch immer mal hier war. Es ist ja eine besondere Gemeinschaft der Gemeinden, mit dieser großen Pfarrei Maria Frieden, den beiden Nachbarbereichen mit dem Moderatorenmodell, das ist schon etwas sehr Spezielles und es geht darum, zu sehen, wie hier 2019 unter all den Veränderungen, die es in Kirche und Gesellschaft gibt, das Christentum gelebt wird.

Phlipp Wallrath: Worauf legen Sie denn den größten Schwerpunkt, was schauen Sie sich ganz genau an?

Dr. Johannes Bündgens: Zum Beispiel Schulen und Kitas, das sind interessante Bereiche, gerade Religionslehrer sind wichtige Kontaktgruppen, da sie einen kirchlichen Dienst tun, für das Evangelium einstehen und auch den Kopf hinhalten. In den Kindergärten gibt es ein Qualitätsprojekt, das wird ein Thema sein. Es gibt jetzt keine Firmung während der Visitation, aber die Firmkandidaten werden auch eine Rolle spielen, die veränderten Gremien, die quasi im laufenden Prozess immer wieder Wechsel erfahren und die pastoralen Mitarbeiter, man muss das in der ganzen Breite sehen.

Ich habe jetzt den Bereich Schule rausgegriffen, weil der auch immer besonders sensibel ist, da gibt es immer wieder die Frage „Warum mischt die Kirche sich da ein?“, also muss man auch erklären, wie es zu dieser Konstruktion kommt. Konfessioneller Religionsunterricht auch an öffentlichen Schulen, das ist heute nicht mehr von sich aus plausibel und die Visitation ist ein Anlass, das nochmal ins Licht zu rücken.

Phlipp Wallrath: Wurden Sie speziell auf diese Visitation vorbereitet, oder haben Sie sich selbst vorbereitet?

Dr. Johannes Bündgens: Sie sehen ja diesen Ordner voller Unterlagen und Informationen, da ist von der Schule, von der Caritas, von den Kitas, vom Pastoralpersonal etwas drin, aber auch Unterlagen wie alte Visitationsberichte und ein Personalteil, alles was man so schriftlich zusammentragen kann. Die Seelsorger haben mir einen kleinen Bericht geschrieben und ich habe ein paar Pfarrbriefe aus der letzten Zeit bekommen. Da habe ich mich jetzt zum Ende der Ferien noch einmal kundig gemacht, manches noch einmal in Erinnerung gerufen, zum Beispiel die Orte, die Geschichte, die Fusion und die Moderatorenmodelle.

Was im Hintergrund bei mir mitläuft, ist der Prozess im Bistum. Der Bischof hat den „Heute bei dir“-Prozess angestoßen, aber Krefeld ist weit entfernt von Aachen, die Frage ist „Was kommt hier davon an?“. Das, was Papst Franziskus die „missionarische Pastoral“ nennt, also das man nicht um sich selbst kreist und einfach die Dinge, die immer waren, weitermacht, sondern auch die Entwicklungen, die nach vorne führen sollen, annimmt, dafür habe ich jetzt ein besonderes Auge.

In unseren Gremien sitzen Leute, die oft das Bestehende bewahren wollen, das ist ja auch kein böser Wille, sondern ganz normal. Aber wir haben eben alle auch schon schwere Einbrüche erlebt. Die Frage, die der Bischof nach der Zukunft stellt, ist nicht zu leugnen, die stellt sich ja wirklich. Ich habe dafür auch kein Rezept, keine geniale Idee, das kann man nur im Gespräch zusammen entwickeln.

Phlipp Wallrath: Haben Sie in anderen Gemeinden, in den Sie vorher zur Visitation waren, schon Veränderungen wahrgenommen, seit der Prozess vom Bischof ausgerufen wurde?

Dr. Johannes Bündgens: Es gibt ein Interesse an dem Prozess, viele Menschen fragen auch den Bischof, ob er schon eine Vorstellung hat, was am Ende dabei rauskommen soll. Der Bischof sagt, es ist ein synodaler Weg, den wir gemeinsam gehen, er hat nicht schon die Antwort. Es gibt jetzt auch während des Prozesses schon Veränderungen, im Bistum und im Generalvikariat. Wir können die Entwicklungen nicht anhalten, dass Leute in Ruhestand gehen, oder plötzlich versterben, das sind natürlich Veränderungen, die dann wieder Konsequenzen nach sich ziehen.

Ich denke, die allgemeine Einsicht, Veränderungen zu wollen, ist da; gegen die konkrete Form, wie der Prozess angelegt ist, gibt es aber noch Wiederstände. Also muss man vermitteln, warum der Prozess so angelegt ist, mit Lenkungsgruppe, Koordinationsbüro und Teilprozessgruppen. Das sind schwierige Vokabeln, die musste ich auch erst lernen, so macht man heutzutage Veränderungen in Wirtschaftsunternehmen, aber auch in kirchlichen Einrichtungen wie Caritasverbänden oder Bistümern. Das ist normal, wenn man sagt, aus eigener Kraft kriegt man so eine Entwicklung nicht angestoßen, wir brauchen auch Impulse von außen.

Phlipp Wallrath: Als wir jetzt im Vorfeld über die Visitation gesprochen haben, kam immer wieder die Frage auf, ob es sich dabei um eine Kontrolle handelt, für den leitenden Pfarrer oder die Gemeindearbeit?

Dr. Johannes Bündgens: Eine Kontrolle ist es nicht. Wir haben eine Abteilung für Innenrevision, die gucken sich die Konten an, die Pfarramtskasse, die Kirchenkasse, solche Rechenschaftsberichte gibt es ja auch in Schulen und Krankenhäusern. Aber Visitation heißt eher “Besuch“, also nicht in Aachen in der Chefetage sitzen, sondern zu den Menschen gehen, mit den Verantwortlichen sprechen, mit den Menschen vor Ort in Kontakt sein. Man gewinnt natürlich beim Gespräch an Eindruck, man darf auch mal etwas Kritisches sagen, oder Vorschläge machen, wie es anders geht. Aber zuerst ist eine Visitation mal Wahrnehmen, Mitgehen, Sorgen teilen, Freuden teilen, das ist der Sinn, Kontrolle ist da nicht im Vordergrund.

Phlipp Wallrath: Hat es sich für Sie verändert, wie Sie als Bischof, der zur Visitation kommt, wahrgenommen werden?

Dr. Johannes Bündgens: So viel Erfahrung habe ich da jetzt nicht, seit 13 Jahren bin ich Weihbischof, in dieser Zeit verschiebt es sich langsam. Ich habe Bilder von alten Visitationen und Kindheitserinnerungen, wo der Bischof kam und mit rotem Teppich, Fanfarenkorps, Schützen und Kutsche empfangen wurde. Diese Zeiten sind vorbei, das ist auch gut so. Man könnte auch sagen, heute lockt der Bischof keinen mehr hinterm Ofen hervor. Ich habe auch Gottesdienste, die schlecht besucht sind, wo die Menschen sagen, „Das betrifft mich nicht“ oder „Der kann mir auch nicht helfen“. Vielleicht ist es auch die Enttäuschung über frühere Visitationen wo es dann heißt, der Bischof war jetzt drei Wochen hier und es hat sich nichts verändert, das gesteckte Ziel der Visitation wurde nicht erreicht.

Das ist aber kein Grund, es nicht immer wieder zu versuchen. Wir rechnen nicht mehr mit übervollen Kirchen, oder damit, dass alle Veranstaltungen großartig besucht sind, aber es gibt dann auch immer wieder Überraschungen. Es ist nicht so, als ob die Kirche alle Bindungskraft verloren hätte und der Bischof ist eben eine Symbolfigur, die den Zusammenhalt verkörpert.

Phlipp Wallrath: Sie haben gerade vom Ziel der Visitation gesprochen, können Sie das noch einmal erklären?

Dr. Johannes Bündgens: Es geht darum, Anteil zu nehmen. Wir haben jetzt seit drei Jahren einen neuen Bischof, der das Bistum noch nicht kennt. Es geht darum, dass er damit vertraut wird, auch wenn das nur mittelbar ist durch die Weihbischöfe, die ihm berichten. Er versteht die Weihbischöfe als seinen verlängerten Arm und interessiert sich sehr für die Anregungen und Ergebnisse.

Phlipp Wallrath: Glauben Sie, dass die leitenden Pfarrer in großen Gemeinden heute mitunter zu viel mit der Verwaltungsarbeit beschäftigt sind?

Dr. Johannes Bündgens: Diese Gefahr ist real, das kann man auch nicht leugnen. Ich war selbst mal leitender Pfarrer, allerdings in einer relativ kleinen Gemeinde, mit wenigen Einrichtungen, da hat der Verwaltungsanteil in meiner Tätigkeit keine große Rolle gespielt. Das kommt dann auch auf die Mitarbeiter an, wie die Pfarrsekretärinnen und Koordinatoren. In dem Bereich kann man viel delegieren, manche Pfarrer möchten das aber auch nicht aus der Hand geben, weil sie da immer auch einen Blick drauf behalten wollen und weil es auch eine pastorale Relevanz hat. Pfarrer sein heißt ja nicht nur, sonntags zu predigen, sondern auch für eine lebendige Gemeinde zu sorgen, dafür, dass sie gute Räume hat, dass Veranstaltungen stattfinden, dass Initiativen ihren Platz finden. Wir sind Theologen und Seelsorger, das ist unser Kerngeschäft und das muss auch der Kern des Berufes bleiben.


Foto: Ulrike Rosellen

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