Wir glauben an den lieben Gott und ham noch immer Durst

„Et hät noch immer jot jejange“ oder „das mit dem Himmel, dass kriegen wir schon hin“ – dass dies für den Rheinländer ein Lebensmotto ist und in der rheinischen „5. Jahreszeit“ besonders gilt, steht außer Frage. Auch würde der Rheinländer auf die Frage, ob Karneval was mit Kirche zu tun hat, überzeugt mit Ja antworten.

Und wirklich kann man an vielen Daten und Bräuchen erkennen, dass Karneval einen kirchlichen Ursprung hat. Ohne die Fastenzeit gäbe es keinen Karneval, denn seit alters her ist der Karneval schon im christlichen Denken und Handeln, sprich im Feiern verankert. Für die Herkunft des Wortes Karneval gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Scherzhaft ist eher die Übersetzung vom lateinischen „Carne vale!“, welches „Fleisch, Lebe wohl!“ bedeutet. Es kann aber auch auf das lateinische „carne levare“ zurückgeführt werden, welches übersetzt „das Fleisch wegnehmen“ bedeutet. Beide Varianten geben bereits einen Hinweis auf die Fastenzeit. Zur Vorbereitung auf das Osterfest ist die 40-tägige Fastenzeit ein elementares Ritual, dem ursprünglich eine „Fastnacht“, Fastnachtsdienstag auf Aschermittwoch, und in späterer Zeit auch eine Zeit des ausgelassenen Feierns mit Fettgebäck und alkoholischen Getränken vorausgeht.

Die Karnevalszeit im Rheinland beginnt seit dem 19. Jahrhundert schon am 11.11. um 11:11 Uhr, um danach aber direkt wieder eine Pause zu machen. Die Adventszeit war nämlich, für uns heute unvorstellbar, eine sogenannte kleine Fastenzeit zur Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Erst ab dem 6. Januar, zum Fest der Hl. Drei Könige, durfte wieder gefeiert werden. Das ist heute immer noch Brauch. Nach dem 6. Januar finden die Prinzenproklamationen und der Sitzungskarneval statt. Dabei werden die geistliche und weltliche Obrigkeit auch heute noch persifliert und auf die „Schöppe“ genommen und auch Missstände kritisiert. Ob in Büttenreden, Liedern oder Tänzen, z.B. der Garden oder Tanzmariechen, niemand wird „verschont“.

Viele der Karnevalsvereine haben katholische oder christliche Wurzeln. So ist zum Beispiel der Karnevalsverein „Fidele Ströpp“ aus Krefeld-Fischeln aus einer katholischen Jugendgruppe heraus entstanden.

Für die ganzen Sitzungen und Feiern sind natürlich viele Vorbereitungen nötig. Diese und die damit verbundene Vorfreude auf Karneval äußert sich überall, so auch in unserer Gemeinde, dadurch, dass Menschen zusammenkommen, um für ihre Auftritte zu proben. Es werden Reden geschrieben, Kostüme geschneidert, Räume dekoriert und Mottopartys vorbereitet. Ob Seniorenkarneval, Karnevalssitzungen oder Messdiener, die Kinder und Jugendliche zur Karnevalsfeier einladen, für jeden ist etwas dabei und die Vorfreude ist spürbar.

Beim Straßenkarneval sind dann alle Jecken in den Straßen der Städte beim Veedelszoch oder Rosenmontagszug unterwegs und feiern ausgelassen. Und wenn man sich die Lieder zu Karneval mal genauer anschaut, so ist der christliche Hintergrund unverkennbar. Ob beim Lied „Lieber Jott, jiv uns Wasser“ von den Bläck Fööss, „Wir glauben an den lieben Gott und ham noch immer Durst“ von den Höhnern, „Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin“ ebenfalls von den Höhnern oder „Halleluja“ von Brings – alle scheinen den Beweis antreten zu wollen, dass unser christlicher Glaube gefeiert werden soll und darf.

Im Rheinland gehört der Karneval einfach zum Leben dazu und ist alles andere als eine religionsfreie Zone! Auch wenn es einem auf den ersten Blick nicht so vorkommen mag. Zwischen der wilden Feierei, Schunkelei und dem ein oder anderen Schnaps zu viel vermag man manchmal kaum noch die christlichen Wurzeln erkennen. Wo, außer in den Liedern, soll man hier schon auf Gott und Glaube treffen? Kirche und Karneval verbindet etwas – beim Anblick mancher Jecken fast unvorstellbar.

Doch es sind nicht nur die Lieder, die Bräuche und der Ursprung dieser Zeit, die der Karnevalszeit etwas Christliches verleihen. Wenn die unterschiedlichsten Menschen – Fremde – auf den Straßen aufeinander treffen, gemeinsam singen, tanzen und fröhlich feiern, bildet sich eine Gemeinschaft von Menschen, die aufeinander zugehen und durch Karneval miteinander verbunden sind. Die Menschen feiern gerne, genießen es mal aus ihrem Alltag ausbrechen zu können. Alle sind an Karneval gleich, freuen sich und sind ausgelassen. Die Freude und das Miteinander entspringen grundsätzlich christlichen Geschichten.

Und nach der „wilden Zeit“? Kommen alle zur Ruhe; auch die, die sagten, sie hätten mit Kirche nichts am Hut. Viele Menschen suchen nach den Karnevalstagen Entspannung, wollen weniger Stress, mehr Zeit für sich und ihre Lieben und sind auch bereit zu verzichten. Einer Forsa-Umfrage vom Jahr 2016 zufolge geben über 40 % an, dass sie Fasten als sinnvoll erachten, in Nordrhein-Westfalen sind es sogar 60%. Und rund ein Drittel aller Befragten haben schon einmal gefastet. Viele würden dabei auf Genussmittel verzichten. Manche würden aber auch auf Internet und ihr Smartphone verzichten. Wieso? Über die Hälfte der Befragten gibt an, weniger Stress und mehr Zeit für Familie und Freunde haben zu wollen. Viele suchen nach den partyreichen Tagen die Ruhe und Nähe zu ihren engsten Mitmenschen. Es gibt keinen Karneval ohne die Fastenzeit. Und die christliche Fastenzeit scheint für mehr Menschen die Gelegenheit zum Nachdenken und Besinnen zu geben, ob in der Kirche oder zu Hause für sich, als man zuerst vielleicht annehmen würde. Daher sieht man, egal ob zu Beginn der Karnevalszeit, während der bunten Tage oder danach: Kirche und Karneval – das passt einfach zusammen!


 Text: Lisa Grüttner und Walburga Nauen l Foto: Colourbox.de - Kzenon

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